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Kunstraub im Haifischbecken des Kunstbetriebes Könnte man den Menschen ausfindig machen, der den Begriff „Offspace“ in die Kunstdebatte eingeführt hat, würde ich ihm gerne die Frage stellen, ob er sich bei dieser Wortschöpfung wirklich frei von jeglichem Zynismus gesehen hat. Bedenkt man, dass das Wort eine Ausstellungspraxis im Kontext geringer Budgets und mangelnder Infrastruktur beschriebt, erahnt man sehr schnell die Stoßrichtung meiner Kritik. Es ist hier offensichtlich, dass die Qualität künstlerischer Praxis und der damit verbundenen Situation des Öffentlichmachens durch Ausstellen und Publizieren an den geringen Mitteln und der daraus zu schließenden geringen Aufmerksamkeit festgemacht wird. Natürlich kennt die urbane Infrastrukturforschung Beispiele dafür, dass aus solchen entlegenen Orten begehrte Kunstzentren wurden. Aber erst nachdem diejenigen hatten ausziehen müssen, die dort jahrelang meist unbemerkt gearbeitet hatten. Die Argumentation lässt sich auch damit abschließen, dass der Begriff „Offspace“ alleinig als fehlinterpretierter Anglizismus im Deutschen existiert und im Englischen schlichtweg nicht als feststehender Begriff besteht und nicht verstanden wird (schlicht das heißt, was er heißt, nämlich „abgelegener Ort“). Der angloamerikanische Kulturkreis zieht die Bezeichnung „artist-run space“ (ARS) vor, um dieser Form der selbstorganisierten Kunsträume einen identifizierenden Namen zu geben und sie nicht alleine nach dem Umstand, dass sie abseits vom „main business“ agieren, zu benennen. Aber vielleicht rührt die Bezeichnung „offspace“ im Deutschen daher, dass man, arbeitsam und bescheiden, lieber schlecht klimatisierte und abgelegene Orte in Kauf nimmt, als gar nicht auszustellen. Das tut dem Kunstconnaisseur in der Seele weh, deswegen werten wir es positiv: Die Selbstorganisation spricht auch für die Taktik, sich die Operationsmechanismen der noch nicht erreichten Ausstellungshäuser anzueignen, mit dem Ziel, durch beharrliche Arbeit die Aufmerksamkeit der offiziell-institutionell Ausstellenden und Auswählenden endlich auf sich zu lenken. Umso erstaunlicher ist es, dass der Verein Kunstwerft mit seiner Werftgalerie in der Myrthengasse im 7. Wiener Gemeindebezirk explizit das „Ausstellen“ hintangestellt und buchstäblich die „Nische“ in der abgelegenen Seitenstraße zum Sammelort seiner Arbeitsstrategie gemacht hat. Gegründet wurde der Ort von dem jungen österreichischen Literaten Erwin Uhrmann und dem bildenden Künstler Moussa Kone aus Wien, und wenn man von einem „Offspace“ als einem Ort spricht, an dem sich eine neue Szene zu bilden versucht, sammeln diese Künstler etwas ganz anderes, um das Modell der Wertigkeiten von Kunst und durch Rang und Namen, durch Ort und Publizität deutlich zu machen. Sie sammeln abgelegte Kunst in einer Kunstklappe, die in ein auf Straßenniveau befindliches Kellerfenster eingebaut ist. Fein säuberlich werden die eingegangenen Objekte ordnungsgemäß katalogisiert, archiviert und verschlagwortet. Oft fehlt es an einer Signatur, was nur mehr die Zuordnung „Unbekannt“ zulässt, manchmal findet sich ein Stück Kriminalgeschichte wieder. Die Kunstklappe hat bereits Gestohlenes ans Licht gebracht, wie ein 1974 entwendetes Wappen der niederösterreichischen Gemeinde Kronberg, das dem Künstler Hermann Bauch zugeordnet werden konnte. Das Wappen war in originales Zeitungspapier aus der damaligen Zeit eingewickelt und wurde nach telefonischer Ankündigung abgelegt. Der anonyme Anrufer wollte sich über die richtige Benutzung der Kunstklappe informieren, damit das Objekt nicht zu Schaden kommen konnte. Seitdem gibt es auf der Internetseite www.werftgalerie.at den Vermerk, dass größere Objekte nach telefonischer Anmeldung auch anonym und diskret entgegengenommen werden. Der Sammlung Essl ist im Rahmen der temporären Gruppenausstellung nun eine zweite Sammlung zugewachsen, deren Objekte seltsam sind, von obskurer Herkunft – mitunter am Rande der Legalität. Erschreckend für jeden Archivar: Es handelt sich um eine Sammlung, die ständig und unvorhergesehen wächst, weil ihr Anwachsen von der Benutzung der Kunstklappe abhängig ist. Um Öl ins Feuer zu gießen, initiierte die Gruppe Kunstwerft ein weiteres Projekt, das im Speziellen die Situation des Ausstellens im „Offspace“ beleuchtet. Der Ausstellungsraum ist reduziert auf eine nach außen offene Fensternische, deren Rückwand das zugemauerte Fenster zum Innenraum darstellt. In dieser Nische wird die eigene Kunst eher zum Stehlen hingestellt als ausgestellt. Auffallend ist, dass keines der Objekte bisher den Weg zurück in die Kunstklappe gefunden hat, die unterhalb der Fensternische in Reichweite liegt. Aber alle bisher dort ausgestellten Werke haben eine Eintrag m Art Loss Register erhalten, das gestohlene Kunstwerke erfasst. Die in der Sammlung Essl nun ausgestellten Arbeiten der Künstlergruppe sind nicht mehr zum Stehlen gedacht, sondern spiegeln im Einzelnen die hier dargestellte Auseinandersetzung wider. Moussa Kone analysiert in seinen Zeichnungen und Malereien die Beziehungen der Künstler zu Kunstkritikern, Kuratoren und Galeristen, indem er Studien aus Bildern alter Meister adaptiert, um in der Reinszenierung das Verhalten der beiden Gruppen zueinander einzubetten. Christian Eisenberger baut eine Sulptur, deren Material sich in bemalter Pappe organisch aufzutürmen scheint; auf der Spitze steht eine kleine Arche Noah. Mit der Skulptur arbeitet auch Bernhard Hosa: In seinen Materialassemblagen thematisiert er Gewalt als gesellschaftliches Phänomen. Der Tod und seine Ästhetisierung in Bildern von toten Tauben ist Thema der Malerei von Amina Broggi. Nilbar Güres zeigt in ihrem Video sich selbst im öffentlichen Raum von Wien. Im Mund hat sie einen Löffel, der ein Ei trägt – damit unterstreicht sie ihr Unbehagen, wenn sie sich als Ausländerin hier bewegt. Aber was ist mit der hier ausgestellten Sammlung der in der Kunstklappe abgelegten Kunstwerke? Wer weiß, vielleicht findet sich auch bald ein Werk von Ihnen oder aus Ihrer Sammlung in der Kunstwerft wieder. Die Kunstklappe hat sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnet. Karin Pernegger (geboren 1973 in Brügge_B) ist Direktorin der Galerie der Stadt Schwaz und künstlerische Leiterin des Ausstellungsprogramms Kunstforum Montafon in Schruns_A. Die Autorin lebt in Schwaz, Tirol_A. Aus: Edition Sammlung Essl: hot spots, Klosterneuburg, 2005, S.133-142. (Katalog zur Ausstellung) |